"Theater-Aufführung" oder: der Besuch der alten Dame!
Würden Sie für Geld morden? Nein? Eine ziemlich makabere Frage, die jeder Normalbürger selbstverständlich reinen Gewissens verneinen würde. Doch was wäre, wenn das Leben von der Suppenanstalt und die Arbeitslosenunterstützung ihren tristen Alltag bestimmen und sie sich nicht einmal neue gelbe Schuhe leisten können. Wenn Sie jegliche Hoffnung sich aus eigener Kraft aus Ihrer ausweglosen Situation zu retten verloren hätten und denken die Welt habe Sie vergessen?
Doch ganz unerwartet kommt die Rettung in Form einer ehemaligen Einwohnerin ihrer Stadt Güllen, die es zu unermesslichem Reichtum gebracht hat, und Ihnen eine Milliarde bietet. Für dieses Geld fordert die Milliardärin jedoch die Ermordung eines treuen Mitbürgers.
Fotos: E. Fell
Na, ist ihre Antwort immer noch dieselbe? Wie auch immer, wenn Sie gespannt sind, wie sich die Einwohner entscheiden, dann werden Sie für zwei Stunden Einwohner von Güllen und lassen Sie sich mitreißen von der spannenden Inszenierung des Stückes "Der Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt, aufgeführt vom Literaturkurs der 12. Jahrgangsstufe.Auch die Schüler des Literaturkurses waren zunächst überrascht, erwartet man doch ohne jegliche Vorkenntnisse über das Drama eine etwas andere Handlung hinter dem Titel "Der Besuch der alten Dame"; vielleicht ein schwierig umzusetzendes Maskenbild aufgrund des Alters der Titelfigur und eventuell auch eine nicht besonders zeitgemäßes Thema, was ebenfalls auf das Wort "alt" zurückzuführen wäre. Ersteres traf zunächst tatsächlich zu, nicht wegen der Umsetzung des Alters, sondern in erster Linie wegen des Erscheinungsbildes im Allgemeinen. So mussten die beiden Hauptdarstellerinnen zustimmen sich die Haare rot zu tönen, der Hauptdarsteller einige Kilos an Gewicht zulegen (wenn auch nur durch eine Kissenkonstruktion) und einige der weiblichen Schauspielerinnen (aufgrund ihrer Überzahl) eine Geschlechtsumwandlung durchführen. Das Thema des Stückes jedoch rief sofort Begeisterung hervor und so gab man sich nun denn ans Werk die Schwierigkeiten mit harter Arbeit und einer Menge Spaß zu überbrücken.
Nach ein paar Stunden, in denen Sprechübungen aus so manch einem leisem, halbverschlucktem "laufn" ein lautes und deutliches "laufen" machten und müde Männer gefühlte hundert Mal von Milch munter gemacht wurden, konnte es losgehen.
Nach einigem hin und her waren die Rollen verteilt und die Proben konnten beginnen. Anfangs noch etwas wackelig begaben wir uns dann auf die Bühne. Zunächst war es teils recht schwierig sich in die Rollen hineinzuversetzen, doch von Probe zu Probe waren Fortschritte zu erkennen. Während einige fleißige Bienchen im Keller unserer Schule die Kulisse zusammenschreinerten und bemalten, probten die anderen stückweise einzelne Szenen. So funktionierte die Zusammenarbeit sehr gut und es gab keinerlei erwähnenswerte Probleme. Im Gegenteil: Oftmals gab es lustige Versprecher oder falsch gedachte Gestiken, die uns alle zum Lachen brachten. So wurde zum Beispiel vom Hauptdarsteller bei der Aufzählung von ehemaligen Eigenschaften der Milliardärin das Wort "biegsam" in Form eines flatternden Hühnchens dargestellt. Das Outfit der Eunuchen, besonders die körperbetonten Hosen, sorgte ebenfalls für so manchen Lacher. Doch auch in vielen anderen Fällen war es erstaunlich, wie sehr Hut, Anzug, Schnurrbart, Brille oder Hochzeitskleid einen Menschen verändern können.
Auch der von vielen gefürchtete Besuch von Frau Kahl wurde gemeistert und ihr Urteil: "Das könnte was werden" (aus ihrem Mund schon ein fast überschwängliches Lob), gab uns Hoffnung und spornte uns an noch mehr und konzentrierter zu proben. An dieser Stelle vielen Dank an Frau Kahl, die nicht nur unser erster "echter" Zuschauer war, sondern auch viele nützliche Verbesserungsvorschläge bereit hielt.
Die überschaubaren Proben am Wochenende, die von Donuts, gesponsert von Frau Stanski, versüßt wurden, halfen unser Spiel zu verbessern und letzte Fehler zu korrigieren.
Für diese Donuts, die scheinbar unendliche Geduld und die Zeit und Mühe, die sie investiert hat, möchten wir uns ganz besonders bei Frau Stanski bedanken. Schafft diese Frau es doch jedes Jahr aufs Neue wieder mit einer Horde Laienschauspieler ein kleines Kunstwerk auf die Beine zu stellen.
Jetzt bleibt uns nur noch zu hoffen, dass unser Theaterstück auch nur annäherungsweise so erfolgreich wird wie das unserer Vorgänger im letzten Jahr und die Besucher genauso viel Spaß beim Zuschauen haben, wie wir ihn bei den Proben hatten und auch mit Sicherheit bei der Aufführung haben werden.
Schauen Sie vorbei, Sie sind herzlich eingeladen am Donnerstag, den 2. April oder am Freitag, den 3. April 2009 um 19:00 Uhr in unserer Aula.
|
Claire Zachanassian, geb. Wäscher Alfred Ill Bürgermeister Lehrerin Pfarrer Polizist Ärztin Bürger I Bürger II Bürger III Bürger IV Eunuch Koby Eunuch Loby Roby Butler Boby Gatte VII Gatte VIII Gatte IX Frau Ill Erste Frau Zweite Frau Maler Zugführer Bahnhofsvorstand Pfändungsbeamte Pressefrau Pressemann Fernsehreporter Souffleusen Materialbeschaffung Leitung |
Jeanette Bühren, Elisabeth Güntsch Riccardo Bellotti Marcel Gallois Salome Menzel, Nora Lohmanns Annika Seeliger Johannes Köllner, Alexander Gandke Corinna Bogatzki Laura Bulle Larissa Streerath Lisa Kettler Sabrina Frahm Lukas Schmitz Jonas Zinn Alexander Gandke, Johannes Köllner Brian O'Mahony Silke Dengler Corinna Bogatzki Lisa Kettler Anika Aretz Maja Rakowski Anna Grüske Michael Kurzeja Anna Grüske Lukas Schmitz Silke Dengler Corinna Bogatzki Jonas Zinn Nils Helbig Nora Lohmanns, Salome Menzel Anna Grüske Alexandra Stanski |
aus der Rheinischen Post vom 02.04.2009:
Eine Milliarde für die Rache
Der Literaturkurs am Gymnasium an der Gartenstraße führt heute Abend erstmals Friedrich Dürrenmatts tragische Komödie "Der Besuch der alten Dame" auf. Lehrerin Alexandra Stanski inszeniert das Stück.
VON GARNET MANECKE
Fast könnte man meinen, Riccardo Bellotti sei wirklich Alfred Ill aus Friedrich Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame". Würde da nicht doch die Jugendlichkeit des Schülers durch die Maske scheinen. Bellotti ist Mitglied des Literaturkurses der Jahrgangsstufe 12. Die Generalprobe zur Premiere heute Abend läuft seit einer Stunde. Gerade hat Alfred Ill alias Bellotti entdeckt, dass die Bürger der Kleinstadt Güllen ihn an die Milliardärin Claire Zachanassian ausliefern werden.
Eine Milliarde für den Tod des Alfred Ill: Jeanette Bühren hat in der Rolle Claire Zachanassian dieses unmoralische Angebot gemacht. Und wie sie das macht, lässtAlexandra Stanski, die mit den 35 Schülern die 1956 uraufgeführte tragische Komödie neu auf die Bühne bringt, zufrieden lächeln.
Extravagante Feder
Stolz stützt sich Jeanette auf den Gehstock, ihre Hände in pinkfarbenen Handschuhen, die genau den Ton ihrer Bluse treffen. Auf dem langen, flammend roten Haare trägt sie einen Hut aus Samtcord, an dem eine extravagante Feder wedelt. Vorne am Rand der Bühne steht derDie aber lässt die sich anbiedernden Bürger Güllens abblitzen. Jeanette Bühren legt dabei Stolz in ihren Blick und Verachtung in ihre Stimme. Ein eiskalter Racheengel steht da am Bühnenrand, dem man im richtigen Leben lieber nicht begegnen möchte. Die noch soeben mit den Köpfen unisono zustimmend nickenden Bürger schütteln sich nun in Entrüstung, der die Schüler ein gehöriges Maß an Heuchelei beimischen.
Alexandra Stanski sitzt in der ersten Reihe und lächelt. Ihre Schüler machen ihre Sache sehr gut. Die Umbauten klappen. Nur hin und wieder schleicht jemand zu ihr, um wispernd noch eine letzte Frage zu klären. Texthänger gibt es nicht. Die Umbauten auf offener, verdunkelter Bühne werden von rhythmischem Trommeln begleitet.
Eine kleine Verzögerung gibt es, als Jeanette nach dem Umzug zur Nebenbühne eilt. Durch die Dunkelheit in der Aula klingt das leise Geklapper ihrer Schuhe. Sie erklimmt die Bühne, erst dann richten die Schüler aus der Technik den Spot auf sie. Uff, geschafft.
Nun geht es hin und her wie bei einem Tennisspiel. Ein schöner Kunstgriff, der dem Stück zusätzlich Dynamik gibt. Am Ende kann Stanski zufrieden sein. Wenn es läuft wie bei dieser Probe, wird es ein starker Theaterabend.
